Geschichte Siziliens




Angriff auf Königreich beider Sizilien


1860 n. Chr.

Die Angreifer

Die politische Lage der italienischen Halbinsel war noch im Jahre 1860 stark fragmentiert. Außer dem Königreich Piemont-Sardinien, bestand Italien aus dem Königreich Lombardo-Venetien, aus einer Reihe von Herzogtümern (Toskana, Parma und Modena), dem Kirchenstaat und dem Königreich beider Sizilien. Eine Zeit war Sizilien ein Königreich und hatte einen Teil von der Geschichte Europas geschrieben. Seit etwas 600 Jahren beibehielt Sizilien, die hinterste Provinz, einen zweitrangigen und halbkolonialen Status. Unter der Herrschaft von Spanien gefallen, schwand die Insel seine Größe und wurde vom Adel und Geistlichkeit erstickt. Nach so vielen Jahrhunderten war das Bewusstsein der eigenen Identität immer noch lebendig bei den Liberalen und konnte seinen Zustand der Rückständigkeit unter den Bourbonen von Neapel nicht ertragen.

Warum beschlossen die Savoyen, im Juni 1860, das Reich von Neapel-Sizilien anzugreifen? Die Landung des Zuges der Tausend in Sizilien war das Ergebnis einer rücksichtslosen Expansionspolitik, die der Staat von Savoyen hatte schon lange geplant beim wecken revolutionären Bewegungen in mehreren Regionen Italiens. Ohne die stillschweigende Zustimmung Frankreichs und Großbritanniens, denen große territoriale Vorteilen oder anderweitig abgeleitet würden, wäre es schwierig gewesen, dieses Programm umzusetzen. Das kleine Savoy Staat in zwei Regionen beschränkt - Piemont und Sardinien - nach der Teilnahme an den Krimkrieg maßte sich das Recht an, sich gleichberechtigt wie Frankreich und Großbritannien zu halten. Er wollte sich erweitern. Wo sonst wenn nicht in den Regionen der italienischen Halbinsel die, sowohl wegen Isolationismus, als auch inhärente Schwäche, nichts mitzureden hatten? Und wie die Eroberung durchzuführen, wenn nicht die Unzufriedenheit der Menschen zu meistern und sie locken frei zu machen? Die finanziellen Mittel, worüber die Savoyen verfügten waren relativ begrenzt, aber das war kein Problem, da Großbritannien, ohne direkt einzugreifen, mit der Flotte im Mittelmeer, jeden Versuch militärischen Gegenangriff neutralisieren konnte. Und das war, was passierte. Nach den Unruhen von 1849 wurden Spionen und Provokateure aus Piemont, in die Lombardei, Toskana und in die nördlichen Gebiete des Kirchenstaates infiltriert. Ihre Aufgabe war die Verbreitung von Ideen der Freiheit und Einheit. Diese Ideen mussten nicht mehr Monopol von Eliten der Freimaurer und Carbonari sein, sondern sollten sie die Grundlage und Zweck bestehen, um eine Grundpolitisierung der Massen zu bilden.

Dank dieser verräterische Arbeit der Infiltration, erleichtert durch die stille Komplizenschaft von Frankreich und Großbritannien, mit den Vereinbarungen Plombières (März 1860) konnte das Savoy Toskana und Emilia-Romagna annektieren. Vier Jahre zuvor im Kongress von Paris der französische Außenminister Graf Walewski, hatte die Erhaltung des Friedens in den Gebieten des Kirchenstaates (von 1849 durch österreichische Truppen verteigt) befürwortet und der britische Minister Lord Clarendon, (eingedenk der durch Ferdinand II. erlittenen Brüskierung über den sizilianischen Schwefel) hatte das Königreich beider Sizilien als ein unmenschlicher Drücker angegriffen. Nichts, sagte er natürlich über die Auftraggeber und Beschützer der piemontesischen Unruhestifter im Königreich beider Sizilien. Es war dann, dass Cavour sah die Möglichkeit einer künftigen Erweiterung des Savoy Staats. Nach der Annexion der Toskana und Emilia Romagna, blieb es nur den größten unabhängigen Staat des Sudens und den Kirchenstaat gleicherweise einzugreifen. Die Einsätze waren hoch für Skrupel. Sobald diese immense Gebiete beigefügt wären, würde die sich ergebene Steuereinnahme die Schulden des Savoy Staats stornieren und die Industrien des Piemonts den Markt über die ganze Halbinsel monopolisieren würden.

Während der 125 Jahre Bourbon Herrschaft hatte Sizilien keinen Nutzen. Eisenbahnen und wichtige Industriebereichen, Sozialreformen, Theater, Krankenhäuser, Sozialwohnungen, usw, in der Tat, nur in Kampanien realisiert wurden. Der Rest des Königreichs blieb unter der Belastung der immensen Großgrundbesitze des Klerus und Adel aufgedrückt. Von Großgrund erwürgt, gelang keiner liberal Ferment, die Bauern aus dem Land zu entreißen. Das politische zweideutige Verhalten von Ferdinand II verhinderte die Entstehung von bürgerlichen Klasse und die wenigen Rohstoffe zur Verfügung Siziliens - Schwefel, Salz und Wein - wurden von britischen Unternehmern (die Ingham, die Woodhouse, die Whitaker) ausgenutzt. Der Klerus, Fürsten und Baronen besaßen fast die gesamte Ackerland, aber keine Phantasie, um eine wirtschaftliche unternehmerische Entwicklung zu starten. Wäre Sizilien gut verwaltet, hätte Ferdinand II. einen Weg gefunden, von den Liberalen geliebt statt gehasst zu werden; hätte er verstanden, dass Sizilien nicht ein Gebiet auszunutzen war, sondern wie das Kampanien zu bewerten, dann hätte er die Vereinigung Italiens realiziren können und daraus eine große Macht gewinnen. Er hatte das Zeug dazu, erfolgreich zu sein. Ferdinand aber fehlte die Vision der Zukunft und blieb ein Gefangener der Vergangenheit, durch sein eigenes Misstrauen von einer aufrührenden Welt isoliert.

Nach dem Volksaufstand von den Anhängern Mazzinis in April 1860, entschied Vittorio Emanuele II und der Ministerpräsident Cavour in Geheimabkommen mit England, den Zug von Garibaldi zu unterstützen. England schützte die Landung mit zwei Kriegsschiffe, die den Zug bis in den Golf von Neapel begleiteten beim Bereitstellen Männer, Waffen und Geld zu bestechen bourbonische Offiziere und neue Rekruten zu gevinnen. Die Bourbonen besaßen in Sizilien dreißigtausend Mann zumeist sizilianer die nicht motiviert waren, um für einen Souverän, den sie nicht liebten zu kämpfen. Franz II. war und blieb von Sizilien entfernt. Anstatt Zuflucht in der Festung von Gaeta zu suchen musste er nach Sizilien kommen, das Kommando über seinen Truppen übernehmen und mit ihnen kämpften. Die Soldaten hätten gerne ihm gefolgt. Da sie viel mehr als die Rothemden Garibaldis waren, konnten sie sie vor der Ankunft in Palermo vernichten.

Der Erfolg des Zuges der Tausend in Sizilien war besonders das Werk der sizilianischen Baronen, die, um ihre Lehen und Privilegien zu bewahren, zögerten nicht, mit den Offizieren von Garibaldi zu sympathisieren und die Revolution zu finanzieren. Die 'picciotti', die Garibaldi halfen, waren Junge, die für die Adligen arbeiteten. Die hatten keine Ideale der Revolution zu verteidigen, sondern die Hoffnung, dass sie nach der Revolution das Land als Vergütung bekommen würden. In den kommenden Jahren wurden ihre Hoffnungen durch eine Militärregierung enttäuscht. Enttäuscht waren auch die Bauer, die, vor und nach die Revolution, ausbenutzt wurden. Die Carabinieri des Königs Vittorio Emanuele II verhielten sich viel sehr schlechter als die bourbonische Polizei. Wie viele Bauern in Sizilien wurden vom Diktator Garibaldi erschossen oder aufgehängt? Niemand weiß es. Was noch schlimmer ist, viele der Verfolger, Politiker und Polizisten, waren keine Piemontesen sondern Sizilianer von Savoyen bezahlt. Das sizilianische Volk hat mit der Einigungprozess weder sympathisiert noch teilgenommen. Wie die Bourbonen auch die Savoyen zeigten Missachtung der wirtschaftlichen Entwicklung von Sizilien. Sie verließen die Insel unter Rückständigkeitbediengungen, die die so genannte Süditalienischefrage provozierten. Die Gründung des Nationalstaats war jedoch alles andere als zustimmend, aber zwanghaft. Das eine und unteilbare Italien entsprach 1861 dem gewünschten Bild, das deutlich mit den tatsächlichen Bedingungen kontrastierte und noch heute in mancher Hinsicht wirklichkeitsfremd geblieben ist. Es wurde daher bereits gefragt, ob die Einigung Italiens ein historischer Unfall gewesen sei. Tatsache ist, dass von den Alpen nach Sizilien um 1860 wurde Italien sehr in Staaten und Kleinstaaten mit unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und wirtschaftlichen Situationen fragmentiert. Wo war es schlimmer war im Süden und besonders in Sizilien. Nicht weil die Südländer keine Initiative hatten und alles von der Regierung erwarteten, sondern weil alles in den Händen des Adels und der Kirche war, und keine Mittelschicht konnte erstellt und entwickelt werden.

Welche Gründe trieben die Piemontesen den Reich beider Sizilien zu ergreifen?

150 Jahre sind vergangen, seit die Vereinigung von Italien ausgerufen wurde. Die offizielle Geschichte, die in der Schule gelernt wird, hat schon immer die wahren Tatsachen verzerrt. Das Königreich beider Sizilien wurde als ein korruptes und rückständiges Gebiet vorgestellt, in dem Elend und Banditentum beherrschten. Leider lesen wir nicht, dass die sizilianische Adligen die Revolution finanzierten, um das alles wie zuvor bleiben könnte. Auch nichts lesen wir von den vielen armen sizilianischen Bauern, die als Banditen erschossen wurden, weil sie, durch einen unfairen Steuersystem unterdrückt, keinen anderen Weg außer Aufstand hatten.

Unter all den italienischen Königreichen war der Reich der beiden Sizilien bei Weitem der größte, reichste und bevölkerungsreichste. Der Reich zählte fast 10 Millionen Einwohner und war seiner Zeit voraus in vielen Bereichen wie Technologie, Industrie, Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitsdienste (Krankenhäuser, städtische Kanalisation und fließendes Wasser zu Hause). Die Kolonialpolitik des Piemonts war außerst streng. Verhaftungen und Erschießungen waren die Mittel um Aufstände unterdrücken. Wie in Bronte, einem Dorf Siziliens, wo der Aufstand der Bevölkerung wegen der schlechten Regierung der Stadt wurde von General Nino Bixio durch Hunderten Verhaftungen und Erschießungen von fünf unschuldigen Bürgern bezwingt. Die gleichen Tatsachen geschahen auch in anderen Gemeinden in der Provinz von Catania.

Die Annexion des Reiches der beiden Sizilien war durch einen Krieg erzielt und durch ein Scheinplebiszit legitimiert, an dem sich die grosse Mehrheit der Bevölkerung aus Mangel an Zensuswahlrecht nicht beteiligte. Das Volk hatte kein Nationalbewusstsein, sondern Erwartungen eigene Lebenssituation zu verbessern. So was nicht passierte.

Wenn man lenkt den Blick zurecht auf die historischen Spannungen, die in Europa unerledigt geblieben sind, dann versteht man viel besser die Sinne einer politischen Gebilde, die Vereinigung Italiens, die auf eine ideologie formuliert und gebaut wurde. Die Frage wird noch gestellt, ob ein kleiner Staat wie der Reich von Piemont und Sardinien seine Expansionpolitik ermöglichen konnte ohne ein stillschweigendes Übereinkommen von Großen Mächten, die, aus verschiedenen Grunden, nicht direkt mitbeteiligt an der Angriff auf einem Unabhängigen Reich waren. Die Zustimmung von Frankreich wurde durch den Abtretungsvertrag von Nizza und Savoy bezahlt, die von Groß Britannien wurde aus Trotz gegen dem König Ferdinand II gemacht, der den Vertrag für die Nutzung des sizilianischen Schwefels gekundigt hatte.

Die Ideologie von Mazzini wurde wie eine Romantik Luftsspiegelung der Freiheit und Entwicklung ausbenutzt um von der bluhenden Wirtschaft jenes Reiches Besitz ergreifen. Viele Interessen standen auf dem Spiel. Das Potential der Metallfabrik Pietrarsa, der Schiffswerft von Castellammare und des Stahlkomplexes Mongiana in Calabria war in Europa schon gut bekannt. Die Marine des Reiches beiden Sizilien hatte mit einer Kerngruppe unter Karl VII. begonnen, um die Überfälle der afrikanischen Berber entgegentreten. Über einen Zeitraum bis 1860 durch ein Schiffbauprogramm, erhebliche Investitionen und Know-how der Architekten, Ingenieure und Arbeiter unterstützt, die bourbonische Marine betrieb eine Flotte von Kriegs-, Händler- und Kreuzfahrtschiffen. Das alles erobern, gegebenenfalls mit Hilfe von britischen Schiffen in der Nähe der Küste von Sizilien, könnte für das Savoy enorme Vorteile bedeuten. In der Arena des Mittelmeers war die bevorstehende Eröffnung des Suez-Kanals fast vorhanden.